SCHEITERN ALS SCHLÜSSEL ZUM ERFOLG?

Neil Heiland ist ein junger Münchner Entrepreneur, der vor 2 Jahren dabei war, sein eigenes Unternehmen Avory zu gründen. Als Teil von Avory arbeitete er an der Entwicklung eines technologischen Armbandschlusses für mechanischen Uhren. Darüber hat er in einem Interview im Jahr 2017 schon berichtet (siehe Link unten). Letztendlich hat er es aber nicht geschafft, seine Idee zu realisieren. Das war aber kein Scheitern für Neil, denn er gründete bald ein neues Unternehmen in der Pflegeindustrie: Nui Care, eine App die seit einigen Monaten auf dem Markt ist.

Warum er mit Avory aufgehört hat, was er davon gelernt hat und wie er Nui erfolgreich gegründet hat, erzählt Neil in diesem Interview.

Bevor Du Avory vor 2 Jahren gegründet hattest, meinst Du, man kann bei der Gründung eines Unternehmens nicht scheitern. Wie sieht Deine Meinung inzwischen aus? Glaubst Du, dass Du mit Avory eigentlich gescheitert bist?

Ja und Nein. Vielleicht noch einmal kurz zu der Situation damals: Als ich mit Avory gestartet habe, war die Nische überhaupt nicht bedient. Es gab kein ernst zu nehmendes Produkt, das die Welt der normalen Uhren mit der der Wearables verbunden hat. Einerseits ist das eine spannende Aufgabe, weil ich natürlich den ganzen Markt für mich alleine hätte haben können, auf der anderen Seite stellt es natürlich die Existenz des Markts an sich infrage – wenn das Produkt was ich im Kopf habe so spannend ist, warum ist es dann so still um Lösungen in diesem Bereich?

Diese Stille hat mich persönlich in eine schwierige Position gebracht und ich würde auch hier mein einziges scheitern sehen. Dadurch, dass es niemanden anderen gab, der das machen wollte, was ich vorhatte, gab es für mich wenig Wettbewerb. Keinen Druck von außen. Niemanden, der gegen mich angetreten ist. Für jemanden, der schon immer stark konkurrenzfähig war, hat da irgendwas gefehlt. Ich habe mich also ein wenig zurückgehalten, den Perfektionisten gespielt und mich unbewusst im Kreis gedreht. Außerdem habe ich es mir zu gemütlich gemacht und schlussendlich nicht genug für das Thema gebrannt. Dieses “Rumeiern” sehe ich persönlich als Scheitern an, weil der Markt eines Tages nicht mehr ganz so leer und ich nicht ausreichend darauf vorbereitet war.

Ich glaube also, dass viel mehr ich in der Unternehmung gescheitert bin, als dass das Unternehmen gescheitert ist. Ich weiß nicht, ob man das so verstehen kann, aber so sehe ich es.

Beschreibe den Moment als es Dir klar wurde, dass Du mit Avory aufhören würdest. Was war das Schwierigste daran?

In den letzten 2-3 Monate von Avory hat es sich eigentlich schon abgezeichnet, dass ich Avory nicht mehr lange weiterführen würde. Ich hatte einen Großteil meiner Vision auf ein paar Thesen gestützt, die sich durch neue Erkenntnisse und Entwicklungen im Markt widerlegt haben – mir war es zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz klar, aber das bedeutete praktisch das Aus für das Produkt, weil auch ich nicht mehr voll hinter der Lösung stand.

Die tatsächliche Entscheidung habe ich dann aber auf dem Rückweg von der Arbeit getroffen. Ich habe ein Audiobook angehört von Seth Godin “The Dip”. Kurzgefasst beschreibt er ein Konzept, dass jeder sehr erfolgreichen Phase eine lange, anstrengende, frustrierende und sehr harte Zeit hervorgeht. Eigentlich logisch. Weiter beschreibt er, dass wenn jemand der Beste in einem Bereich werden will, er bereit sein muss diesen “Dip” durchzustehen – egal wie lange oder schwierig es auch sein mag. Ich wusste in diesem Moment, dass ich nicht den Drive und die Überzeugung hatte, der Beste in diesem Markt werden zu wollen und dadurch schlechte Karten für die vorliegende harte Zeit hatte.

Das Schwierigste war für mich persönlich der Fakt, dass ich aufgehört habe, bevor es überhaupt losging. Ich hatte die Firmenidee kurz vor der Gründung abgesägt und wusste, dass auch wenn sich die Marktlage geändert hat und ich nicht mehr zu 1000 % hinter der Idee stand, der Grund für das Aufhören meinem “rumeiern” geschuldet war. Was sicher auch nicht ganz leicht war, war das Abschließen mit der Sache. Immerhin war es meine erste große Idee, in diese Richtung. Heute laufe ich übrigens immer noch mit einer Smartwatch und einer normalen Uhr gleichzeitig rum.

Source: Avory

Source: Avory

Was hast Du mit Avory verloren und was hast Du damit gewonnen?

Der ganze Prozess hinter Avory hat das Fundament der Person gelegt, die ich heute bin. Es hat mich bestätigt in der Annahme, dass ich alles machen kann was ich will, solange ich dazu bereit bin die Arbeit reinzustecken. Der wichtigste Punkt aber sind die Menschen, die ich kennengelernt habe. Durch Avory habe ich meinen Mitgründer, Mentor und mittlerweile auch guten Freund Christian Ehl kennengelernt. Über ihn habe ich die ersten Mitglieder unseres Teams getroffen und kann heute stolz behaupten, dass bei Nui die besten Designer und Entwickler Münchens sitzen.

Das einzige was ich vielleicht verloren habe, war das letzte Stückchen Unsicherheit, dass ich noch hatte. Davon kann mein ganzes Umfeld ein Lied singen.

Mit Avory hast Du Dich in die Wearables-Industrie spezialisiert, jedoch liegt der Fokus von Nui auf Pflege. Wieso hast Du Dich genau für diesen Bereich entschieden?

Der Hauptunterschied zwischen Avory und Nui ist, dass Avory ein Produkt war, dass ich unbedingt haben wollte und Nui ein Produkt ist, dass nicht direkt aus meinem eigenen Bedürfnis her entstanden ist.

Zum Entstehungszeitpunkt von Nui war ich “Entrepreneur in Residence” – was nebenbei bemerkt anscheinend persönlicher Assistent auf Englisch heißt – bei Christian Ehl in seiner Werbeagentur. Er kam aus dem Urlaub wieder mit der Idee einen digitalen Assistenten für Senioren zu bauen. Uns ist schnell aufgefallen, dass wir in allen Bereichen des Lebens unglaubliche technologische Fortschritte gemacht haben, aber wenn es um Senioren geht, das beste was wir hinbekommen offensichtlich ein Handy mit großen Tasten ist. Wir haben uns also ein kleines Team zusammengebaut mit der Mission durch Technologie den Senioren so lange wie möglich ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen.

Der Grund warum ich schlussendlich so fasziniert von dieser Herausforderung eines Unternehmens in der Pflegeindustrie war ist, dass es am Ende des Tages eigentlich jeden betreffen wird. Wir werden heute immer älter und jeder – egal wie wohlhabend, schlau oder mächtig jemand zu sein scheint – braucht irgendwann mal Unterstützung im Alltag. Und hier will ich etwas tun!

Inwiefern war Deine Erfahrung mit Avory entscheidend für die Gründung von Nui?

Ohne Avory wäre ich sicher um einiges passiver in der Gestaltung der Idee gewesen. Ich wusste, dass ich diesmal Vollgas geben kann und muss – das hab ich dann auch getan.

Was war bei der Gründung von Nui anders als bei Avory?

Der größte Unterschied daran vollkommen alleine zu starten ist, dass wirklich alles an einer Person hängt. Wenn ich bei Avory mal nichts gemacht habe, ist auch nichts passiert. Das ist eine sehr große Challenge, aber auch eine, die viel Wachstumspotenzial aufzeigt. Von den ganzen Gründungssachen zum Beispiel hatte ich bei Avory keine Ahnung, also hab ich es aufgeschoben. Bei Nui bin ich mit meinen drei Mitgründern hier um einiges besser aufgestellt, weil die alle nicht zum ersten Mal gründen. So musste ich mich um keine einzige Seite der Gründungsunterlagen oder Investmentverträge kümmern, geschweige denn um das Investment ansich – das haben Markus, Christian und Oliver geregelt. Generell finde ich, dass wir uns sehr gut ergänzen. Investoren sagen uns immer wieder: “Bei euch im Team bringen die einen die Erfahrung und Know-how, der andere die Naivität und den Antrieb”.

Source: Nui Care GmbH

Source: Nui Care GmbH

Du arbeitest jetzt in einem finanzierten Startup mit 10 Mitarbeitern und einigen Hundert zufriedenen Kunden. Was ist Deine aktuelle Position im Unternehmen? Wie hat sich Nui zu dem heutigen Stand entwickelt und wo seht Ihr Euch in der Zukunft?

Das Unternehmen hat bisher einige verschiedene Phasen erlebt und wir befinden uns aktuell ganz sicher in der Spannendsten. Im Januar haben wir Markus C. Müller bei uns als Geschäftsführer aufgenommen – als überzeugter Blackberry Nutzer ist das für mich besonders spannend nicht nur mit einem erfolgreichen Unternehmer, sondern auch mit dem ehemaligen Europa-Chef von Blackberry Seite an Seite zu arbeiten. Durch Markus kam noch mal neue Energie, Know-how und Kapital in die Firma dass wir jetzt gut einsetzen.

Mit Nui wollen wir dabei helfen, dass Senioren so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen können. Dabei unterstützen wir im ersten Zug die pflegenden Angehörigen und helfen bei der Organisation des Alltags durch eine App – Nui. Man kann sich das heute vorstellen wie eine Kombination aus einem Gruppenchat, einem geteilten Kalender und einer To-do Liste. Alle Angehörigen haben dort Zugriff zu den anstehenden Aufgaben und wichtigen Informationen und können sich so leichter an der Pflege beteiligen. Nui ist dabei eine Art Begleitung für Angehörige durch den Pflegealltag und gibt in Zukunft auch einen Überblick über offene Leistungen des Pflegesystems oder spezifische Informationen zum Umgang mit einem Pflegebedürftigen.

Ich kümmere mich um das Produkt und die Vermarktung. Ich spreche also viel mit Kunden, um herauszufinden wie wir sie noch besser in der täglichen Pflege unterstützen können und gebe das dann priorisiert an das Team weiter. Nachdem unser Design- und Entwicklungsteam dann ein paarmal mit dem Zauberstab herum gewedelt hat und die Features fertig sind, überlege ich mir wie wir das ganze nach außen kommunizieren.

Unsere Betaphase haben wir nun abgeschlossen und implementieren gerade ein paar große Funktionen, die wir am Ende des Jahres gemeinsam mit einem Freemium Modell veröffentlichen werden.

Langfristig wird sich Nui als die führende Plattform zur Pflege eines geliebten Menschen etablieren und dazu beitragen, dass unsere Großeltern, Eltern und irgendwann auch wir nicht irgendwann ins Altenheim müssen, sondern an dem Ort bleiben können, den wir alle am meisten wertschätzen – unser Zuhause.

Waren Investoren sofort von Eurer Idee überzeugt? Gibt es für Euch einen hohen Druck durch die Finanzierung? Wie seid Ihr mit den Erwartungen der Investoren umgegangen?

Was bei Nui sicherlich anders ist als bei Avory oder vielen anderen Unternehmen, dass man das Problem nicht wirklich erklären musste. Unabhängig davon, dass der Pflegemarkt natürlich gerade ein immer größeres Thema wird waren wir im Team doch überrascht wie schnell unsere Gesprächspartner verstanden haben, dass es so etwas wie Nui geben sollte. Für mich persönlich kommt der Druck viel weniger aus Richtung der Investoren, sondern von den Kunden. Bei meinen wöchentlichen Telefonaten mit unseren Usern werde ich daran immer wieder erinnert – wenn dich jemand anruft und dich fast schon anschreit, während er sagt, wie wichtig unsere Lösung ist und dass wir das ja nicht versemmeln sollen, hat das schon seine Wirkung.

Zu dem generellen Thema der Investoren kann ich nicht so viel sagen. Ich finde, dass viele Unternehmer, zumindest in den Medien, hier nicht immer den richtigen Fokus setzen. Natürlich gehören Investoren dazu und ich bin sehr dankbar für die, die wir an Bord haben, aber am Ende geht es für mich um den Kunden und was wir dort erreicht haben. Daher wird es bei uns, wenn es um Zahlen geht, eher um die der Nutzer handeln als um unseren Kontostand.

Kannst Du Dir vorstellen, dass jetzt eine ruhigere Phase für Dich folgt, nach den dynamischen Entwicklungen und Änderungen in den letzten 2 Jahren? Würdest Du eine Aussage über Deine eigene Zukunft in 5 Jahren treffen wollen?

Ich kann dir nicht genau sagen, wo ich persönlich in 5 Jahren stehen werde. Eines kann ich aber mit Sicherheit sagen – es folgt definitiv keine ruhigere Phase. Daran hätte ich gar keinen Spaß.

Aber wenn wir schon bei Zielen und Plänen sind – ich hab da so eine Sache, die ich für mich persönlich noch lösen muss. Immer wenn ich mich vorstelle, denkt man in Deutschland, dass ich “Nils” heiße, daher sage ich dann immer “Neil, wie Neil Armstrong!” – den kennt man anscheinend auch in Deutschland. Am Ende dienen alle meine Vorhaben einem großen Ziel: Dass die Menschen, die ebenfalls Neil heißen, irgendwann sagen – ”Neil, wie Neil Heiland”. Dann kann ich in Ruhe einschlafen.

Mit 21 hast Du durch die Gründung der 2 Unternehmen bereits viel Erfahrung gesammelt. Was ist das Wichtigste, das Du daraus mitgenommen hast?

Ich dachte erst, dass ich bei der Frage am meisten nachdenken muss, eigentlich ist es aber ganz klar – das Wichtigste ist der Wert des Teams und der Menschen im Unternehmen. Ich kann selbst nur eine begrenzte Anzahl an Dingen gut umsetzen und eine Sache, die ich über mich persönlich gelernt habe ist, dass ich ab und zu Gegenwind und andere Meinungen brauche, um wirklich gute Sachen zu machen. Ich brauche jemanden, der meine Gedanken challenged, kritische Fragen stellt oder mir eine andere Sichtweise aufzeigt. Die Menschen machen das Unternehmen zu dem, was es heute ist und auch, wenn wir noch recht jung sind, ist es neben dem Produkt das Team, was mich am meisten Stolz macht.

Source Titelbild: Nui Care GmbH