EIN ABENTEUER DURCH NORWEGENS WILDNIS

Ein Reisebericht von Maria Stan und Lyubomir Hristov

Der Pfad zum Preikestolen ist überfüllt mit Touristen, aber wir überholen sie mühelos. Preikestolen (auch Pulpit Rock genannt) ist ein zackiger Felsvorsprung, der über den Lysefjord hinausragt. Als wir darauf stehen sind wir vom Nebel umgeben und wenn wir am Rand stehen, können wir nicht sagen, wie weit unter uns das Wasser ist. Wir kehren schnell um; weiter zurück auf dem Touristenweg finden wir einen kleinen Pfad, der in den Wald hinein führt. Entlang seiner Mitte warnt uns ein Wegweiser: „Stopp! Dies ist nicht der Weg zum Preikestolen!“. Ein unnötiges Zeichen, denken wir – der Weg ist so steil und schmal, dass die meisten Touristen ihn völlig ignorieren. Doch für uns ist es nur der Anfang einer langen Reise.

Also, wohin gehen wir nun? Der Plan wurde vor zwei Wochen erstellt, als wir eine Karte mit Wanderwegen in Südnorwegen analysierten. Wir suchten nach der einen Route, die uns die Vielfalt Norwegens bringen würde: einen Fjord, hohe Klippen, aber auch Wälder und Berge. Und so entschieden wir uns: nach einer Nacht in Stavanger, einer Stadt an der Südwestküste des Landes, würden wir von Hütte zu Hütte entlang des Lysefjords und über bergiges Gelände wandern. Und zwar so weit in Richtung Osten, wie uns unsere Füße in sieben Tagen tragen können. Die Hütten, welche im Eigentum von Den Norske Turistforening (“Der Norwegische Wanderverein”) sind, wollten wir bevorzugt nutzen. Sie würden nach einem langen Wandertag eine Unterkunft bieten. Wir haben uns entschieden, kein Zelt mitzuschleppen – obwohl wir durch das „Allemannsretten“ das Recht hätten, überall in Norwegen zu campen, machen der weiche Boden und die häufigen Niederschläge den Aufbau eines Zeltes zu einer ziemlich großen Herausforderung. Die Hütten sind jedoch sehr praktisch: Es gibt nicht nur einen Kamin, durch den die Zimmer und Betten erwärmt werden (und die Kleidung nach einem Regentag getrocknet wird), sondern sie sind auch mit verschiedenen Küchenutensilien, Töpfen, Tellern usw. ausgestattet… alles, was man für die Zubereitung aller Arten von Mahlzeiten benötigt. All das basiert auf Vertrauen – die meisten Hütten sind nicht verschlossen und auch nicht mit Personal besetzt, so dass jeder, der sie benutzt, über eine mobile App oder ein Zahlungsformular für seinen Aufenthalt und die verwendeten Waren (Brennholz, Lebensmittel usw.) bezahlen soll.

Die Vorbereitungen wurden abgeschlossen: Wir liehen uns nützliche Ausrüstung von der BUA aus – eine Einrichtung, die Outdoor-Ausrüstung kostenlos in ganz Norwegen zur Verfügung stellt – packten hoffentlich genug Essen für unsere Reise in die Rucksäcke, und kauften Bustickets nach Stavanger und von dort nach Preikestolen Fjellstue, unserem Startpunkt.

Aussicht über Lysefjord von Lysebotn

Nebel auf Preikestolen

Und jetzt sind wir hier, auf diesem gewundenen Weg, der mit dem roten „T“ („tur“ – Tour auf Norwegisch) markiert ist, und laufen entlang der Nordwand des Lysefjords, durch dünne Kiefern- und Birkenwälder. Bald merken wir, dass unser Tempo stark behindert wird; nasse Wurzeln erhöhen die Gefahr auszurutschen und oft müssen wir kleine Bäche und große Pfützen überqueren. Zu unserer rechten Seite sehen wir noch eine dunkle Wolke, die sich in den Fjord windet… Und der Regen folgt uns bis zur ersten Hütte. Wie hart der Tag auch gewesen sein mag, lächeln wir alle vier als wir um den geschnitzten Holztisch sitzen, ein warmes, belohnendes Abendessen genießen und darüber nachdenken, in was für ein Abenteuer wir uns begeben haben.

Die nächsten zwei Tage sind von ständigem Regen begleitet, und die Wanderung wird nicht einfacher. Abgesehen davon, dass unsere Kleidung völlig durchnässt ist, weht ein heftiger Wind durch unsere Jacken und betäubt unsere Körper mit Kälte. Und dann gibt es noch die Flussdurchquerungen… Wir sind noch nicht einmal halbwegs zur nächsten Hütte am dritten Tag, als wir in eine Sackgasse geraten. Der Pfad geht auf der anderen Seite eines breiten Flusses gemächlich weiter. Zu unserem Leidwesen ist das Seil, das über den Fluss gespannt wurde um die Passage zu erleichtern, zerrissen. Wir suchen nach einer anderen Möglichkeit das gegenüberliegende Ufer zu erreichen, bei der wir nicht knietief durch das gefährlich schnell fließende Wasser gehen müssen. Leider werden wir nicht fündig.

Als wir aus dem Tal auftauchen, sehen wir endlich die gesamte, mysteriöse Erscheinung des Fjords, mit entfernten Wasserfällen, die hunderte von Metern in die Tiefe stürzen und deren Dampfschwaden sich mit der darüber liegenden Wolkenschicht verbinden. Schließlich kommt der letzte Kilometer und wir erreichen Lysebotn, die Stadt am Ende des Fjords und unser Ziel für diesen langen und harten Tag.

Wir haben drei Tage gebraucht, um so weit zu kommen. Einen mehr als ursprünglich geplant. Das extreme Wetter macht es zu gefährlich, weiter nach Osten zu wandern, da Bäche die steilen Pfade überfluten. Die Alternativlösung finden wir schnell: Wir würden noch ein paar Tage um den Fjord wandern, diesmal auf der Südseite, und danach eine Fähre zurück nach Stavanger nehmen. Außerdem gönnen wir uns einen Ruhetag, um unsere Kraft zurückzugewinnen, unsere Kleidung zu trocknen und unsere Stimmung zu heben. Drei Tage ununterbrochenes Wandern durch den Regen waren mehr als genug, sowohl für den Körper als auch für den Geist.

Langavatn Hütte mit Schnee bedeckt

Blåfjellenden – eine Hütte mit einem herrlichen Ausblick

Am fünften Tag der Tour werden wir nach Øygardstølen gefahren, der Ausgangspunkt für die Wanderung zum berühmten Kjeragbolten. Als wir am Parkplatz ankommen, ist es neblig und wir wissen schon, was uns nur wenige Schritte nach dem Start erwartet: Schnee! Die Granitplatten hinauf zum Kjerag sind komplett mit Neuschnee bedeckt. Alles ist entweder schneeweiß oder dunkel und schwarz, nur aus dieser kontrastreichen Silhouette finden wir Treppen und Steinhaufen. Markierungen, die uns so vertrauten roten T´s, sind nicht sichtbar. Als wir auf dem bergigen Plateau aufsteigen, drehen sich die Winde gegen uns und versuchen, uns von den Füßen zu stoßen. Und dann sehen wir ihn endlich, den Kjeragbolten, ein einsamer Felsbrocken, der zwischen zwei Felsen am Ende einer Spalte eingeklemmt ist. Aufgrund des Schnees verzichten wir auf ein klassisches Bild auf diesem 5 Kubikmeter großen Stein und setzen unseren Weg zügig fort.

Nach all dem Regen in den letzten Tagen genießen wir den heutigen Tag trotz des Schnees: kein Schlamm, keine Flussdurchquerungen… und endlich etwas Sonnenschein! Die Wolken teilen sich und die Sonne scheint gegen Ende des Tages hell, als wir die nächste Hütte am Fuße eines Hügels erreichen.

Überraschenderweise ist dies der erste Tag, an dem wir einige andere Wanderer treffen, die alle vom Schnee überrascht sind. Es ist interessant, wie die Norweger in den Bergen sehr redefreudig werden, denn in den Städten wirken sie sehr distanziert. Auf dem langen und leeren Weg ist es immer ein Vergnügen, ein paar Worte mit anderen Reisenden zu wechseln. Wir werden auch nicht vergessen, wie gastfreundlich zwei andere Wanderer uns einmal angeboten haben, etwas von ihrem Essen abzubekommen.

Traumhafte Landschaft auf der Pfad zwischen Langavatn und Blåfjellenden

Flørli am Ufer des Lysefjords

Die letzten beiden Tage der Reise sind ein reines Vergnügen: Die Sonne scheint, der Schnee schmilzt schnell und macht den Weg wieder sichtbar. Es fühlt sich wie eine Belohnung an, nach all dem Kampf mit dem Wetter in den vergangenen Tagen. Wir durchqueren wunderschöne große Täler und kommen an Seen mit klarem Wasser vorbei, genießen jeden Moment und fühlen uns so glücklich, hier zu sein. Dafür sind wir doch gekommen! Wir beenden unsere Wanderung in Flørli, ein kleines Dorf am Fjord, das für die längste Holztreppe der Welt (4444 Stufen!) bekannt ist.

Früh am nächsten Morgen nehmen wir die Fähre nach Stavanger. Es ist neblig, wie am ersten Tag, als wir auf dem Preikestolen waren…. was so weit zurück scheint. Einige Klippen schauen manchmal durch den Nebel, während die Fähre vorbeifährt und wir erhaschen dann einen Blick auf felsige Ufer und bergige Wälder. Wir lächeln. Das sind wunderbare Orte, die wir erleben konnten.

Von dieser Reise haben wir gelernt, das zu schätzen, was uns gegeben wird – sei es sonniges Wetter, drei Tage Regen, ein Schneesturm oder 70 km/h Wind. Trotz der vielen verzweifelten Momente, in denen unsere Körper nass und eiskalt im strömenden Regen waren, hat uns die Erfahrung gestärkt. Es war etwas Besonderes, ja sogar Schönes. Es fühlt sich an, als würden wir Norwegen erst jetzt wirklich kennenlernen.