Kann man beim Gründen überhaupt scheitern?

Neil Heiland, ein 18-jähriger Entrepreneur, berichtet Euch von seinen Erfahrungen während seiner Tätigkeit als „Marketing Assistent“ bei dem Münchner Startup „KONUX“ sowie von seiner eigenen Firmengründung. Er ist momentan dabei seine Innovation, technologische Armbandschließe für klassische Armbanduhren, zu entwickeln und will dies in Zukunft über sein Unternehmen „Avory“ verkaufen. Neil möchte Euch seine Erfahrungen und persönlichen Tipps in folgendem Interview mit auf den Weg geben.

Wie kam es dazu, dass du bei einem Startup angefangen hast?

Das hat sich mehr oder weniger durch Zufall so entwickelt. Ich habe Ende 2015 nebenbei einige iPhone Apps entwickelt und hatte überhaupt keine Erfahrung wie ich daraus irgendetwas Unternehmens ähnliches gestalten kann. Ein Freund von mir, Andreas Kunze (CEO KONUX) hatte mir in Vergangenheit schon einige Male geholfen, also habe ich mich an ihn gewandt. Seitdem durfte ich im KONUX Office an meinen Sachen arbeiten und habe zwischendrin für KONUX ein paar Sachen erledigt. Nach kurzer Zeit wurde ich dann als Werkstudent angestellt sodass ich nebenbei für KONUX arbeiten konnte. Mein Weg in die Welt der Startups war also eher ein glücklicher Zufall.

Was sind deine Tätigkeitsgebiete bei „Konux“ und wie hast du daraus persönlich profitiert?

Bei KONUX zu arbeiten ist für mich eine unglaublich wertvolle Erfahrung. Meine Aufgabenbereiche liegen derzeit im Marketing Team, ich erstelle also Präsentationen, arbeite an der Homepage und noch ein paar andere Sachen. Wenn man noch nie irgendwo gearbeitet hat, wächst man quasi an jeder Aufgabe, die man bekommt, weil man sie oft davor noch nicht gemacht hat. Neben der eigentlichen Arbeit finde ich aber das generelle Umfeld und alles drumherum, also Meetings, mit Kollegen reden, Abläufe beobachten etc. fast noch viel wichtiger. Das sind Skills, die universell von Bedeutung sind und auch für mich in meinem Startup ausschlaggebend sein werden. Zu sehen wie ein Meeting abläuft oder wie verschiedene Projekte approached werden ist unglaublich interessant, gerade weil ich das alles eben noch nicht „gelernt“ habe. Neben all dem verdiene ich auch ein wenig an meiner Arbeit bei KONUX, dass ich gleich wieder in meine eigenen Projekte investiere. Kurzum ist die Arbeit bei einem Startup für mich mehr als nur ein Mittel zum Zweck, sondern eine Art Testumgebung. Ich bin der Angestellte und sehe was als CEO auf einen alles zu kommt, ohne dabei selber etwas falsch zu machen.

Warum hast du dich entschlossen zu Gründen? Wie bist du mit den Anforderungen bzw. Erwartungen an dich umgegangen?

Der Moment an dem mir bewusst wurde, dass ich mein eigenes Ding machen kann, ist mir noch sehr klar im Gedächtnis. Obwohl ich eigentlich schon immer eigene Produkte an andere verkauft habe gab es diesen “Aha-Moment” an dem mir klar wurde, dass ich etwas aufbauen kann, dass anderen irgendeine Art von Wert bietet. Das Problem, dass ich mit Avory lösen will war keines, dass ich von außen beobachtet habe, sondern von dem ich selbst betroffen war. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich zu einem Kumpel sagte: “So ein Produkt ist doch ein Nobrainer, warum verkauft das denn keiner?  Warum machen ‘DIE’ das nicht?!”. Ich beantwortete die Frage selber – “Warum mache ich das nicht?”. Es war dieser Moment an dem ich verstand, dass ‘DIE’ keine abgegrenzte Gruppe von Genies war, sondern Menschen wie wir alle. Es brauchte keine speziellen Anforderungen um “Unternehmer” zu sein. In unserer heutigen Gesellschaft bedingt es nur folgendes – Den Willen, Mut und Durchhaltevermögen es wirklich durchzuziehen.

Es gab für mich also keine eindeutige Entscheidung zu gründen, sondern das geschah irgendwie automatisch. Sobald ich die Welt als veränderbar wahrnahm, konnte ich nicht mehr aufhören darüber nachzudenken, was ich zuerst verbessern wollte.

Du bist dabei das Unternehmen „Avory“ zu Gründen. Was ist deine Idee hinter dem Produkt „Slide“ und „Avory“?

Zuerst möchte ich kurz sagen, dass ich tatsächlich noch nicht gegründet habe. Jetzt wo ich das Abi so gut wie in der Tasche habe, wird die ganze erst richtig losgehen und das Gründen wird sinnvoll. Ich wollte davor nicht Gründen, weil es einfach noch nicht nötig war und ich noch nie ein Fan davon war “zu gründen, um zu gründen”.

Um die Idee hinter Avory zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, dass ich schon immer ein Fan von Gadgets und von mechanischen Uhren war. Als die Smartwatch immer mehr zum Thema wurde war ich vollkommen begeistert. Es war fast wie in einem James Bond Film – ein Gerät am Handgelenk zu haben, dass dir deine Vitalwerte und Handy Mitteilungen direkt ans Handgelenk bringt. Ich trug also verschiedene Smartwatches und Fitnesstracker bis ich von einem Kumpel mal eine Luxus Uhr geliehen bekommen habe. Obwohl eine Uhr primär nur die Zeit anzeigt, ist das nicht der einzige Grund der für eine teurere mechanischen Uhr spricht. Uhren gehören zu den wenigen Schmuckstücken, die Männer tragen können, dienen also als Statusobjekt, Modeaccessoire und oft auch als emotionaler Gegenstand, wenn eine Uhr beispielsweise vererbt wurde.

Ich hatte damals also folgendes Problem – ich wollte eine funktionale, smarte Uhr mit dem Aussehen, Status und der Geschichte der Luxusuhr. Die einzige Lösung? Zwei Handgelenke, links die Uhr, rechts das Wearable. Für mich keine Option. Abgesehen davon, dass das tragen der Uhr augenscheinlich durch das Wearable vollkommen sinnfrei erscheint, war es für mich und wie ich erfahren habe für viele andere auch, zu nervig. Eins der beiden Geräte ist also immer zuhause geblieben.

Die Lösung: Eine Smartwatch, die aussieht wie eine normale Uhr? Nein. Die Technik ist nach kurzer Zeit schon wieder veraltet und niemand zahlt mehrere Tausend Euro für eine Uhr, die nächstes Jahr schon nicht mehr zeitgemäß ist. Es brauchte also ein Gerät, dass in jede Uhr ohne weiteres integrierbar ist und somit beide Welten vereint. Die Welt der traditionellen Uhrmacherkunst mit der der innovativen wearable Technologie.

„Avory Slide“ ist das erste Produkt und ist kurz und einfach eine technologische Uhrenschließe. Sie ersetzt die normale mechanische Schließe der Uhr und ermöglicht eine unauffällige Lösung für die vermeintliche Unkombinierbarkeit von Smartwatch und mechanischer Uhr.

Nachdem du selbst bei „Konux“ viel gelernt hast und zudem immer mehr Erfahrungen als Gründer sammelst, was sind deine Erkenntnisse, die du mit unseren Studenten teilen möchtest?

Ich finde, dass Startups und das Gründen für eine breite Masse großen Wert liefern kann. Selbst wenn man selber kein Interesse hat, selbstständig etwas zu gründen, kann man extrem gut bei Startups lernen und erste berufliche Erfahrungen machen. Statt während dem Studium in einer Bar zu arbeiten, würde ich empfehlen, sich einfach mal umzuhören und die offenen Stellen bei jungen Unternehmen durchzugehen. Die meisten Startups brauchen immer junge talentierte Leute für alle möglichen Aufgaben und viele Studenten erfüllen die Anforderung eine solche Stelle zu besetzen.

Ich will jeden, der selber mit dem Gedanken spielt etwas zu Gründen, ermutigen genau das zu tun. Vor allem in jungen Jahren ist das hohe Risiko, dass das Unternehmertum mit sich bringt, noch nicht so relevant. Die Meisten haben vermutlich kaum laufende kosten, keine Kinder, keine wirklichen Verantwortungen. Das alles macht es um einiges einfacher, weil die möglichen Verluste viel geringer sind. Über die Jahre erlangt man immer mehr Verantwortung für verschiedene Sachen und es wird immer schwieriger mit dem hohen Risiko zurecht zu kommen, was nicht heißt, dass Gründen nur ein Sport für junge Menschen ist. Vielmehr möchte ich sagen, dass es nicht nur ein Sport für erfahrene, ältere Personen ist, sondern dass ein junges Alter und die geringen Erfahrungen auch ein Vorteil sein können.

Wichtig ist auch das Motiv des Gründers. Es geht nicht ums Geld, zumindest sollte es nicht primär darum gehen. Jemand der ein Unternehmen in einer Branche gründet, die Ihm selber nicht zusagt, wo aber ein größerer finanzieller Gewinn möglich ist, sollte nicht gründen. Ich bin der Auffassung, dass eine tiefe Leidenschaft notwendig ist, um dem Druck und den hohen Erwartungen stand halten zu können. Nur wer wirklich liebt, was er macht, wird darin erfolgreich sein, aber das kennen wir alle schon, also werde ich darüber nicht mehr sagen.

Eine Lehre, die ich auch selber erfahren habe war, das Ego draußen zu lassen. Oft geht man vermutlich mit der Erwartung ans Gründen, dass man selber der “Boss” ist. Vielmehr ist man zumindest am Anfang selber “das Mädchen für alles” und sollte sich dessen auch bewusst sein. Deshalb ist es für mich immer wichtig das größere Bild zu sehen. Langweilige monotone aber wichtige Tasks machen nur dann Spaß, wenn man weiß, wofür man sie macht. Nur so kann ich die teilweise wirklich nervigen Sachen ohne Probleme machen – weil ich weiß, wo ich hinwill und wozu das führt.

Der wichtigste “Tipp” den ich geben kann ist – auf sich selber hören und es einfach durchziehen. Die etlichen Male an denen mir davon abgeraten wurde mit „Avory“ Wirklichkeit zu machen, oder das mögliche Scheitern, dass auf mich wartet, sind unzählbar. Man muss in solchen Momenten einfach auf seine eigene Stimme hören und alles andere ausblenden. Solange man selber der Ansicht ist, dass man es schaffen kann, ist das das einzige was zählt. Denn die Alternative ist nur, diese eine Sache nicht umzusetzen und es gar nicht erst zu versuchen. Für mich wäre das keine Option. Ich finde keine Ruhe, wenn ich nicht an „Avory“ arbeiten kann, also wäre es unvorstellbar aufgrund des Risikos das Ganze nicht zu versuchen. Was gibt es denn zu verlieren? Angenommen ich “scheitere” – mein Produkt verkauft sich nicht und ich muss 2019 den Laden schließen. Ich habe nur mögliches Geld verloren und unglaublich viel wertvolle Erfahrungen gesammelt, die ich anderweitig nie erlangt hätte. Gegeben durch mein Alter wäre ich nicht “zu alt” um zu studieren oder das nächste Unternehmen zu gründen.

Abschließend möchte ich jeden der darüber nachdenkt, seine eigene Sache zu probieren, dazu ermutigen es zu machen. Denn selbst das größte Scheitern wird durch die gewonnenen Erfahrungen aufgewogen. Ob wir beim Gründen wirklich scheitern, ist alles eine Frage der Perspektive. Ich denke, wir können nur gewinnen.